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21. Reiterbergung

 

Menschenmenge

Jenna war zu entsetzt, um zu schreien. Sie wusste, dass zwischen ihr und dem Rabenstein weit unten nur Leere war. Doch als Feuerspei spürte, dass das Gewicht hinter seinem Nacken plötzlich fehlte, regte sich ein Instinkt in ihm. Ein Instinkt, von dem er selber nichts wusste, den aber alle auf Menschen geprägten Drachen besaßen: Reiterbergung. Als Jenna abstürzte, ließ sich Feuerspei wie ein Stein fallen und packte sie mit den Füßen. Zwei Sekunden später trug er Jenna in seinen Krallen wie ein Adler seine Beute.

Wolfsjunge war verzweifelt. Er konnte nicht sehen, dass Jenna unter ihm baumelte. Er sah nur, dass sie nicht mehr da war. »Jenna!«, rief er wieder. »Jenna!«

»409!«, antwortete ihm eine Stimme. Jedenfalls kam es ihm so vor.

»Wo ist sie denn hin, Stanley?«, fragte Dawnie gereizt. »Ich finde das unerhört, einfach so auszusteigen. Wer soll dieses Ding denn jetzt fliegen, wenn ich fragen darf?«

»Oh, sei still, Dawnie!«, fuhr Stanley sie an. Ängstlich spähte er über die großen schwarzen Stacheln des Drachen hinweg, doch alles, was er zu sehen bekam, war Feuerspeis dicker Bauch.

»409!«, war wieder Jennas Stimme zu vernehmen, beinahe vom Wind verweht.

»Jenna?« Wolfsjunge drehte sich um, um nachzusehen, ob sie hinter ihm saß. Fehlanzeige. Er spähte nach unten, um festzustellen, ob sie unter ihm hing, aber er sah nur Feuerspeis Bauch.

»409 ... Ich bin hier ...« Wolfsjunge begann sich zu fragen, ob er sich die Stimme nur einbildete. Wo steckte sie denn?

Feuerspei war in Richtung Burg zurückgeflogen und setzte nun langsam und vorsichtig zur Landung an. Wolfsjunge schaute nach unten und suchte, das Schlimmste befürchtend, den Boden ab. Sie überflogen gerade den Rabenstein und die neue Flussblockade, die jedes seuchenbefallene Boot an der Weiterfahrt hinderte, und näherten sich nun dem Kai unterhalb von Sally Mullins Tee- und Bierstube. Gäste kamen aus dem Lokal gerannt, und Wolfsjunge sah, wie Menschen aufgeregt umherwuselten, in die Luft guckten und mit den Armen fuchtelten. Als Feuerspei tiefer ging, verstand Wolfsjunge, was sie riefen.

»Das ist die Prinzessin!«

»Der Zaubererdrache hat die Prinzessin entführt!«

»Seht doch, wie sie da hängt... oh weh, oh weh ...«

»Tot.«

»Sagen Sie doch nicht so was. Das darf nicht sein. Das darf nicht sein.«

»Aber sie bewegt sich nicht.«

»Wie soll sie denn, wenn sie so zwischen den Krallen klemmt? Ich hab’s ja immer schon gesagt. Dieser Drache wird sich verwandeln. Das tun sie alle.«

»Seht! Seht doch ... sie bewegt sich. Sie lebt, seht...«

»Er kommt herunter. Er wird sie zerquetschen.«

»Iiiih! Da kann ich nicht hinsehen ... Nein!«

Feuerspei schwebte jetzt kaum mehr als vier Meter über dem Boden, und Wolfsjunges Erleichterung darüber, dass Jenna nicht abgestürzt war, wich einem schrecklichen Gedanken: Wie sollte Feuerspei landen, ohne sie zu zermalmen?

Langsam, ganz langsam ging der Drache tiefer, bis er dem Kai so nahe war, dass Wolfsjunge mühelos die komplizierten Muster auf den Hüten der Fischer erkennen konnte. Feuerspeis Flügelschläge – und möglicherweise auch der strenge Geruch nach Drache – trieben die Schaulustigen etwas zurück. Wolfsjunge beobachtete ihre erstaunten Gesichter, als der Drache knapp zwei Meter über dem Boden die Krallen öffnete und Jenna auf den Rand des Kais springen ließ, wo sie noch ein paar Schritte lief, um die Balance nicht zu verlieren.

Die Menge klatschte Beifall, und ein paar bewundernde Pfiffe ertönten, was Feuerspei anscheinend zu Kopf stieg, denn er landete auf dem Kai, reckte den Hals und knurrte so heftig, dass es Wolfsjunge durch und durch ging. Die Leute waren begeistert, den Drachen einmal aus allernächster Nähe zu sehen, besonders nach einem so waghalsigen Landemanöver, und traten näher, wobei sie auf die verschiedenen merkwürdigen Teile zeigten, die zu jedem Drachen gehörten.

»Was für furchterregende schwarze Stacheln er hat...«

»Sieh doch nur, wie groß sein Schwanz ist...«

»Also ich wollte nicht zwischen diesen Krallen klemmen ...«

Und dann, als sie Wolfsjunge bemerkten: »Da sitzt ja ein Junge auf seinem Rücken ...«

»Was für einen stechenden Blick er hat. Dem möchte ich nicht in dunkler Nacht begegnen.«

»Pst! Er könnte dich hören.«

»Aber woher denn. Horch! Was ist das?«

Das Knurren in Feuerspeis Bauch wurde lauter. Jenna wusste, was jetzt kam, und sprang zurück. Dabei verlor sie den Halt und fiel vom Rand des Kais ins Wasser. Immer noch wie gebannt vom Anblick des Drachen, schenkte die Menge dem Platschen, mit dem ihre Prinzessin im Wasser verschwand, nicht die geringste Beachtung. Wie von einem Magneten angezogen, rückte die Menge immer näher und näher, bewunderte, wie Feuerspei den Kopf zurückwarf und die Nüstern blähte, und lauschte dem vulkanischen Rumpeln in seinem Leib. Niemand bemerkte, wie Jenna wieder auftauchte, einen kleinen, aber ekligen toten Fisch ausspuckte und zu der Treppe am Ende des Kais schwamm.

Plötzlich schoss unter lautem Getöse eine heiße Gaswolke aus Feuerspeis Nüstern und entzündete sich. Zehn, zwanzig, dreißig Sekunden lang schlug eine Flamme hoch in den Himmel und über das Wasser und setzte die Segel zweier Heringsfänger in Brand, die einen Teil der Bootsblockade bildeten. Am Ende der dreißig Sekunden war die Menge verschwunden. Viele waren in Sally Mullins Cafe geflüchtet, wo man ihnen einen der vielen bereitstehenden Löscheimer in die Hand drückte und befahl: »Los, löschen Sie den Drachen, bevor wir alle in Flammen aufgehen.« Die übrigen sah man den Hang zum Südtor hinaufrennen, um eine fantastische Geschichte reicher, die sie zur Mittagszeit in den Wirtshäusern erzählen konnten.

Bis zum Abend hatten die meisten Burgbewohner wenigstens eine Version der Geschichte von der Entführung der Prinzessin durch den Zaubererdrachen gehört. »Aber wenn ich es euch doch sage. Ein riesiges Ungetüm. Dann hat er sie wie einen Stein fallen lassen. Jawohl. Wie einen Stein. Nein, passiert ist ihr nichts. Nein, sie ist nicht hart aufgeschlagen. Sie ist in den Fluss gefallen. Sie ist eine gute Schwimmerin, das Mädchen. Aber da habt ihr’s. Der Drache hat sich verwandelt. Das tun sie alle. Ja, und dann schoss eine große Stichflamme aus seiner Nase, direkt auf mich zu – und hat mir die Haare versengt, siehst du? Nein, nicht da, hier, nein, hier! Du solltest dir eine anständige Brille zulegen, mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Den meisten Leuten kam auch die andere Version zu Ohren, wonach die Prinzessin mit ihrem Unglücksboot die Seuche eingeschleppt und obendrein versucht habe, die Rattenwürger mit Hilfe eines schwarzen Zaubers in der Burgmauer einzuschließen. »Du willst Beweise? Die kann ich dir liefern. Sie hat zwei Schädlinge gerettet. Nein, keine Heringe, Schädlinge. Bist du taub? Ratten, du Blödian, Ratten! Sie hat sie mit ihrem Drachen weggebracht. Was sagst du jetzt?« Darauf lehnte sich der Sprecher zurück und verschränkte mit selbstgefälligem Grinsen die Arme.

Es war, wie die Leute feststellten, durchaus möglich, beide Versionen zu glauben, je nachdem, mit wem man gerade sprach. Aber in einem Punkt waren sich alle einig: In dieser jungen Prinzessin steckte mehr, als man zunächst gedacht hatte. Viel mehr.

Stanley und Dawnie hatten mit großer Erleichterung beobachtet, wie die Menge davonlief. In der allgemeinen Aufregung hatte niemand bemerkt, dass sie zwischen Feuerspeis dicken Stacheln kauerten. Nun setzten sie sich wieder aufrecht hin, und Dawnie machte es sich mit der Miene einer Ratte bequem, die es gewohnt war, mit Drachen zu fliegen. »Na, hoffentlich starten wir bald«, sagte sie. »Ich sterbe vor Hunger. Mir wäre jetzt nach einem Mittagessen in Port.«

Stanley stöhnte, sagte aber nichts. Er sah zu, wie Jenna triefend nass wieder auf Feuerspei kletterte. »Alles in Ordnung, Euer Majestät?«, fragte er.

Jenna störte es nicht, dass Stanley sie mit Euer Majestät ansprach. Im Gegenteil, es gefiel ihr, denn bei Stanley wusste sie, dass es von Herzen kam. »Ja, Stanley, danke der Nachfrage«, antwortete sie. »Und bei Ihnen?«

»Mir ist es nie besser gegangen«, sagte Stanley fröhlich. »Ein herrlich frischer Morgen, kein Wölkchen am Himmel, und gleich geht es ab in die Lüfte. Was kann sich eine Ratte mehr wünschen?«

»Ein Mittagessen«, murrte Dawnie.

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